Dienstag, 20. Februar 2024

Grenzgängerinnen - Westdeutsche Frauen im Osten

Ulrike Wollenhaupt-Schmidt

Grenzgängerinnen

Westdeutsche Frauen im Osten

Erfahrungsberichte „mitgegangener“ Frauen

 

Für Sigrid K.

Vorbemerkung 

Diesen Text verfasste ich als 2004 Überlegung bzw. Vorwort für ein Buch. Ich kannte so viele Frauen, die mit ihren Männern "mitgegangen" sind, deren Wechsel in die neuen Bundesländer nicht einer freiwilligen selbstbestimmten Entscheidung entsprachen. Viele von ihnen sind bis heute meine Freundinnen. Julia ist zurück in den Westen gegangen, Beate trotz Trennung geblieben, Elisabeth ist Rentnerin. Nach der erneuten Lektüre des Vorwortes habe ich mir überlegt, das Projekt, das ich längst vergessen hatte, wieder zu realisieren.

 Einführung

 

"Von Ihnen hätte ich nicht gedacht, dass Sie aus dem Westen sind!"
"Dass du nicht von hier bist, habe ich gleich gemerkt."
"Aus Erfurt kommen Sie aber nicht."
"Für einen Wessi bist du eigentlich ganz normal"

Ein paar sehr unterschiedliche Sätze, die ich hier öfter und in verschiedensten Variationen gehört habe und die, auch dann, wenn sie nett waren, bei mir gemischte Gefühle, manchmal Freude, manchmal Verunsicherung auslösten. Habe ich mich beispielsweise so angepasst, dass ich meine "westdeutsche Identität" verloren habe? Ist diese Identität überhaupt so ein schützenswertes Gut? Woran bloß merkt man auf der anderen Seite nach 8 Jahren noch, dass ich von "drüben" komme? Schon zu DDR-Zeiten habe ich mich gefragt, woran sie einen in Ost-Berlin erkannt haben. Ich war Studentin, und für teure Klamotten hatte ich kein Geld. Das scheint das Zeichen nicht gewesen zu sein.

 Gut, dass ich keine Erfurterin bin, erkennt man am fehlenden Dialekt, doch auch nicht jeder Ostbürger spricht thüringisch, sächsisch oder brandenburgisch. Aber offenbar gibt es bis heute Unterschiede, die sich am Dialekt nicht festmachen lassen, an der Sprache schon eher. In meiner Anfangszeit habe ich mich hoffnungslos als Wessi geoutet, wenn ich im Supermarkt, statt in der Kaufhalle nach einer Plastiktüte statt nach einem Plastebeutel fragte. Heute sind diese Worte längst, zunächst in parodistischer Absicht, später unbewusst in meinen Sprachschatz eingeflossen. Jedoch entlockt es mir immer noch ein mildes Lächeln, wenn ganz normale Menschen von einer Gruppe von Arbeitskollegen als "Kollektiv" sprechen, ein Ausdruck, der im Westdeutschland der Nach-68er eher im Milieu linker Buchläden oder im Rahmen alternativer Projekte anzutreffen war.
Noch ein Beispiel sprachlicher Verwirrung aus meiner Anfangszeit: In Westdeutschland hießen die weiblichen Angestellten einer Arztpraxis "Sprechstundenhilfen" und bei "Frau Müller" fragte ich um einen Termin bei der Ärztin nach. Hier, im Osten meldet sich "Schwester Petra" am Telefon. Und wenn ich mit der Ärztin sprechen möchte, muss ich nach der "Doktorin" fragen, auch wenn sie nicht promoviert hat[1]. Diese sprachlichen Details traten tatsächlich manches Mal zwischen mich und meine Mitmenschen. Reagierten sie zunächst freundlich auf die hochschwangere "Mutti" eines kleinen Kindes, so entstand, kaum hatte ich den Mund aufgemacht, kühle, zum Teil eisige Distanziertheit.

Als feststand, dass wir endgültig vom Westen in den Osten umziehen würden - mein Mann arbeitete dort schon seit drei Jahren - war ich sehr glücklich. Einmal, um wieder vom Dorf in die Großstadt, noch dazu in eine sehr schöne mit Theater, Oper und Kunstmuseum, zu ziehen. Andererseits war ich auch neugierig auf die Menschen, die keine 10 Jahre zuvor Staatsbürger eines anderen Landes, ja irgendwie Ausländer waren. Ausländer, die ich schon zu DDR-Zeiten als deutscher als viele Westdeutsche erlebt hatte. Durch ihr Anderssein waren diese Fremden von der Aura des Besonderen umgeben: Die Frauen schienen mir emanzipierter zu sein, die Kinder wohlerzogener als die im Westen. Insgesamt hatte ich den Eindruck, dass die Gesellschaft im Osten kinderfreundlicher sei. Auch schienen soziale Unterschiede nicht so eine gravierende Rolle zu spielen wie ich sie aus meiner Gesellschaft kannte. Die "soziale Wärme" der Ex-DDR, die so oft beschworen wird, auch die gehörte zum Repertoire meiner Vorstellungen. Ich war also relativ positiv gegenüber meiner zukünftigen Heimat eingestellt.

 Als 1989 die ersten Ostbürger in Göttingen, wo wir seinerzeit lebten, ankamen - wir hatten auf Grund einer wissenschaftlichen Tagung die Öffnung der Grenze nur am Rande mitbekommen - beobachteten wir neugierig die Menschen, die in ihren stone-washed Jeansanzügen mit Kunstfellbesatz durch die Weender Straße strömten. Es war eine ungewöhnliche Situation. Karstadt und andere Kaufhäuser hatten am Sonntag geöffnet, um den Gästen zu ermöglichen, ihr Begrüßungsgeld gleich wieder loszuwerden. Die CDU hatte auf dem Platz vor dem Rathaus einen Stand aufgebaut, wo sie Bananen an Ostbürger verteilte. Honni soit qui mal y pense. Und schnell wurde aus dem Ausnahmezustand Normalität. Die ersten Angestellten an der Fleischereitheke bei Herkules sprachen Thüringer Dialekt, aus Staatsbürgern der DDR wurden bekanntlich unsere Mitbürger "aus den neuen Bundesländern". Von Zeit zu Zeit war ich besuchsweise in Erfurt, fand mich von den dortigen Einwohnern freundlich aufgenommen. Erfurt war trotz langjährigem Sanierungsstau und vieler verfallender Häuser eine charmante Stadt, die im Zentrum von dem Modernismuswahnsinn, wie wir ihn von der boomenden Bundesrepublik der 60er Jahre kannten, verschont geblieben war. So war es auch in anderen Städten im Osten, die wir damals besuchten, Naumburg, Werningerode, Halberstadt, die sich ihren altertümlichen Charme gewahrt hatten.

In Erfurt eine Wohnung zu bekommen, war seinerzeit nicht ganz einfach. Ungeklärte Eigentumsverhältnisse und der Verfall vieler verlassener Häuser ließen die Mietpreise in exotische Dimensionen explodieren. So waren wir froh, im Norden der Stadt eine vergleichsweise einigermaßen bezahlbare und einigermaßen sanierte Altbauwohnung zu erwischen. Die Kollegen meines Mannes, zumindest die Erfurter unter ihnen, spotteten, was wir denn im Blechbüchsenviertel wollten. Was der Begriff bedeutete, habe ich erst Jahre später erklärt bekommen.

 Ich war froh, wieder in der Stadt zu wohnen und hatte am Morgen nach unserem Umzug, als ich Brötchen und Milch gleich um die Ecke kaufen konnte, den Wunsch, jedes einzelne Haus zu umarmen. Schon bald aber fielen mir einige Dinge auf, die ich nicht geahnt hatte. Menschen aus nicht unbedingt den gehobenen sozialen Milieus, die in ungeahnter Feindseligkeit reagierten. Als wir einmal die Straße blockierten, um einen Kinderwagen ins Auto zu laden, konnten wir hören, wie einer unserer Nachbarn brüllte: "Der macht das immer so. Der kommt aus dem Westen, aus Göttingen." Klar hatte das Göttinger Nummernschild uns sofort als "Wessis" enttarnt. Nach zwei Wochen war es gegen ein "EF" ausgetauscht, aber die Schmach des Wessis blieb bestehen. Umgekehrt merkten wir, dass wir dort, wo wir im Ausland als "Ossis" durch unser Ost-Nummernschild galten, bei unseren Landsleuten auf eine Reserviertheit trafen, die wir bis dahin nicht gekannt hatten. Je weiter westlich unsere deutschen Mitbürger wohnten, umso mehr fremdelten sie mit uns. "Seids auch schon angekommen?" freuten sich wiederum Jahre später in San Gimignano (Toskana) joviale Bayern mit uns vermeintlichen Ostbürgern. Wer, so meine Erfahrung, zum Grenzgänger wird, scheint beide Identitäten zu verlieren, für die Ossis wird er immer "Wessi" bleiben, für den "Wessi" gehören wir auch nicht mehr richtig dazu. Heute ernte ich fragende Blicke bei westdeutschen Freunden, wenn ich sie frage, ob sie endlich eine bezahlbare Dreiraumwohnung gefunden haben.

 In der ersten Zeit in Erfurt brachen nach einigen wenig freundlichen Erfahrungen zunächst meine Glanzbilder des Ostens schnell zusammen. Immer wieder bekam ich auf eine schon etwas stur vorgetragene Art zu hören, wie belesen die DDR-Bürger einstmals waren, erst seit der Vereinigung seien sie zu ständigen Fernsehkonsumenten geworden. Immer der unausgesprochene Vorwurf dahinter, dass dies nicht mehr so ist, daran seid ihr schuld. Früher war auf einmal alles besser. Die Kinder konnten gefahrlos auf der Straße spielen, alle hatten Arbeit, und überhaupt gab's weniger Kriminalität. Für sich genommen stimmen diese Aussagen sogar. Im Kontext hatten sie einen fragwürdigen Beigeschmack. Ich, die ich in meinen jungen Studentenjahren immer eine Kritikerin der kapitalistischen BRD-Gesellschaft war, und genaugenommen immer noch bin, sah mich in die Rolle des Advocatus diaboli gedrängt. Musste Dinge verteidigen, die ich selber schlecht fand. Auf beiden Seiten entstand damals viel Trotz. Das ist verständlich. Immerhin wurde die Vergangenheit des jeweils anderen fundamental in Frage gestellt und damit seine ganze Identität. Diese Früher-war-alles-besser-Mentalität befremdete mich und ließ mich fremdeln.  Mein zunächst positives Bild von scheinbar menschlicher Wärme schlug vielleicht ein bisschen übertrieben in ein negatives um: Viele Menschen empfand ich als distanzlos. Wildfremde Menschen sprachen mich an, weil aus der Mütze meines Kindes ein Ohr herausragte: "Mutti, das Kind friert doch am Ohr." "Mutti" ist für mich hier im Osten zu einem echten Reizwort geworden, was sicher auch an seinem inflationären Gebrauch lag. "Mutti," so hieß es auch gleich in der Frauenklinik, "wie liegt denn das Kind da? Da guckt ja ein Füßchen aus dem Windelpaket!" Selbst auf dem Armbändchen meines Kindes stand "Mutti: Wollenhaupt". Ich glaube, und da sind wir auch schon wieder bei der Sprache: Hier sprechen Ostdeutsche und Westdeutsche unterschiedliche Sprachen. Auch als Mutter werde ich im Westen nicht zur "Mutti", sondern ich bleibe Frau Wollenhaupt-Schmidt. Aber die meinen das nicht so diskriminierend, wie ich es empfinde. Doch zurück zur Distanzlosigkeit. Beispielsweise transportierte ich, we nn ich in die Stadt fuhr, mein Baby in einer Bauchtrage, was mit zwei kleinen Kindern beim Straßenbahnfahren einfach praktischer und sicherer ist. Das wurde mit großem Misstrauen beäugt. Im Westen gehörten Frauen, die ihr Baby mit einem Tuch und einer Trage transportierten, zum gewohnten Bild, hier nicht. Während mir - und dem Baby - der Schweiß runterlief, wurde ich gefragt: "Friert denn das Kind auch nicht?" "Das arme Kind!" schüttelten auf der Straße besorgte Zeitgenossinnen empört den Kopf. Die waren nicht nur distanzlos, die waren engstirnig.

Engstirnigkeit umschreibt ein weiteres Phänomen, das mir hier sofort auffiel. Vom Rechtsradikalismus im Osten hatte ich schon viel gehört, was ich nicht überbewerten wollte, da die größten rechtsradikalen Verbrechen seinerzeit in Mölln und Solingen, also im Westen passiert waren. Als ich hier lebte, verschob sich schnell meine Perspektive. Es empfand niemand Scham dabei, auch normale, ja studierte Menschen nicht, Vietnamesen als Fidschi zu bezeichnen. Während die Einwanderergenerationen der späten 60er Jahre im Westen allgemein ganz gut integriert schienen, lebten hier Deutsche und Vietnamesen in fast völlig getrennten Zusammenhängen. Einzige Berührungspunkte waren die Zigarettenhändler, die überall herumstanden und verstohlen Plastiktüten ("Plastebeutel") mit Zigaretten aus Büschen hervorzogen, wenn Kundschaft auftauchte, sowie die Läden (im Ost-Jargon: "Fidschiläden") mit einem bizarren Sortiment aus Klamotten und Kitschgegenständen jeglicher Art. Ausländer als natürlicher Bestandteil einer multikulturellen Gesellschaft gehören hier deutlich weniger als im Westen zum Alltag. Stattdessen bemerkte ich viele Skinheads in der Straßenbahn. Mein zunächst überpositives Bild des Ostens schlug nach diesen Erfahrungen zeitweise ins Gegenteil um, und ich suchte die Nähe von Wessis.

 Dies sollte sich interessanterweise wieder ändern, als meine älteste Tochter in den katholischen Kindergarten kam. In diesem eher kirchlich geprägten Milieu, das sicher auch zu DDR-Zeiten durch ein höheres Maß an Offenheit gegenüber dem Westen geprägt war, spielte es auf einmal nur noch eine äußerst geringe Rolle, ob einer aus dem Westen kam. Es wurde eine Krabbelgruppe gegründet, wo man sich einmal die Woche traf, quatschte, die Kinder erste Kontakte schließen konnten. Sicher gab es auch hier manchmal unterschwellige Ressentiments und bei mir doppelte Unsicherheit, weil mir neben dem Osten auch das katholische Milieu unbekannt war. Insgesamt aber ging es offen und freundlich zu, auch mit den Erzieherinnen im Kindergarten, von denen ich den Eindruck hatte, dass sie offen für neues waren, ohne alles alte negieren zu wollen. So konnte ich mein zeitweises Fremdeln relativieren, aus den Fremden aus dem Osten wurden Freunde bis zum heutigen Tag.

So verschieden waren die Lebenswege gar nicht mehr. Dass Mutterschaft (zumal für Akademiker wie mich) häufig mit Arbeitslosigkeit bezahlt werden muss, das war mir theoretisch irgendwie klar, aber ich hatte es für mich nicht wirklich in Betracht gezogen. Von daher war mir die DDR-Gesellschaft in dieser Hinsicht angenehmer, wo zwischen Familie und beruflicher Perspektive nicht gewählt werden musste. Tatsächlich konnte ich von diesen Strukturen noch profitieren. Es gab genug Kindergartenplätze, nicht so wie im Westen, wo man zeitweise sein Kind schon vor der Geburt anmelden musste. Und was äußerst angenehm war: Man stand nicht unter moralischem Rechtfertigungsdruck, wenn man sein Kind schon früh in den Kindergarten schicken wollte ("Rabenmutter") . Im Westen wäre es schon auf Grund des sozialen Drucks fast undenkbar gewesen, ein zwei Jahre altes Kind in den Kindergarten schicken. Hier war und ist es normal. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es den Kindern nicht nur nicht schadet, sondern sogar gut tut. Zunächst aber nützten mir die Strukturen wenig, denn als Arbeitslose braucht man keinen Ganztagsplatz. Ich sah die berufstätigen Mütter, die nach der Arbeit ihre Kinder abholten mit einem leisen Neidgefühl. Das war mein Lebenstraum: arbeiten gehen und Kinder haben. Beides. In dieser Hinsicht war ich schnell im Osten angekommen. Durch die wachsenden Freundschaften mit Ost- und Westfrauen, durch die Erfahrung, dass trotz manchem Trennenden das Gemeinsame überwog, merkte ich irgendwann gar nicht mehr, dass ich Wessi bin. Ich gehörte einfach dazu. Bis meine Fortbildung begann. Tatsächlich war es mit der Hilfe des Arbeitsamtes gelungen, in eine Vollzeit-Fortbildungsmaßnahme zu kommen, wo wir fit gemacht werden sollten für all die technischen Neuerungen wie Computer und Internet, die mir nur sehr oberflächlich bekannt waren. In dieser Fortbildung gab es effektiv nur Ostbürger außer dem Dozenten und mir. Und während in der warmen Atmosphäre meiner Kindergartenbekannten der Unterschied Ost-West am Schluss nahezu irrelevant war, wehte mir hier ein stellenweise eisiger Wind entgegen. Das ist verständlich, da waren lauter Menschen, z. T. mit glänzenden Karriereabsichten zu DDR-Zeiten, deren Lebensentwurf jäh abgeknickt worden war. Statt Karriere zu machen, waren sie Arbeitslose, an den Rand einer Gesellschaft gedrängt, die einige von ihnen noch nicht einmal gewollt hatten. Und unbestritten ist, dass unter den ersten Wessis, die nach 1989 in die DDR kamen, nicht wenige verantwortungslose Glücksritter, unfähige Beamte und hoffnungslose Arroganzlinge[2] waren, die fundamental und dauerhaft den Ruf nachfolgender Westler beschädigt hatten. Leute, mit einem Missionsdrang, den Leuten im Osten die doch teilweise fragwürdigen Segnungen des Westens zukommen zu lassen. Ignoranten, die blind waren für das, was an der DDR erhaltenwert gewesen wäre. Profitgierige Geschäftsleute, die aus reinem Geschäftsinteresse ganze Wirtschaftszweige binnen kurzer Zeit abmähten und sich so einerseits lästige Konkurrenz von Halse schufen und andererseits grenzenlose Marktchancen witterten. Abwicklung nannte sich das zynischerweise, und ich kann mir ohne die geringsten Probleme vorstellen, was in dem ehemaligen Drucker vorgegangen ist, als er fassungslos die Schließung seines Betriebes erleben musste, in dem hochqualifizierten Informatiker, dessen Arbeitsplatz im Krankenhaus durch die Umstrukturierung der Klinik einfach verschwand.

Sätze wie "nun wollen wir den Ossis mal das Arbeiten beibringen!" oder: "jetzt wird hier endlich anständige Arbeit geleistet!" oder: "die Ossis sind faul und den ganzen Tag nur am Feiern" tragen nicht unbedingt zum gegenseitigen Verständnis bei: sie zerstören anfängliches Interesse und erzeugen den oben angesprochenen verständlichen Trotz und eine fundamentale Unwilligkeit zum Dialog. Solche Sätze und ähnliche haben einige meiner Fortbildungskollegen hören müssen. Gleichermaßen war in ihrem Weltbild kaum nachvollziehbar, dass Westbürger im Osten genauso arbeitslos waren wie sie. Es galt auf beiden Seiten viele Vorurteile aus dem Weg zu räumen. Natürlich bekam auch ich eine Menge Dinge zu hören, die schlichtweg unerträglich und dumm waren, auch hier wieder ein geschöntes DDR-Bild oder ein übertrieben negatives Bild der Realität eines vereinten Deutschlandes. Ich traf auch auf Borniertheit und Unbelehrbarkeit, die ein gegenseitiges Lernen und Akzeptieren letztlich verhinderte.

Nichts schadet dem dringend nötigen Zusammenwachsen so sehr, wie gegenseitige Ignoranz und Vorurteile. In verschiedenen Leserbriefen einer hiesigen Tageszeitung wurde vor einiger Zeit von interessanterweise durchgehend männlichen (Ost-)Lesern suggeriert, dass Frauen aus dem Westen im Unterschied zu ihren Ost-Mitbürgerinnen eine Erwerbstätigkeit aus purer Langeweile aufgenommen hätten und dass es folglich mehr recht als billig sei, dass deren Rentenanspruch geringer ausfiele. Diese, allein durch Unwissenheit zu erklärende Einschätzung ist so signifikant für den Unwillen, aufeinander zuzugehen. Sie argumentiert nämlich völlig an der Realität vorbei. Westdeutsche Frauen waren im Westen in geringerem Umfang erwerbstätig, weil dies erstens politisch erwünscht war: Frauen waren nur bei einer gesunden Arbeitsmarktlage, wie sie in den 60er Jahren im Westen bestand, auf dem Arbeitsmarkt gefragt. Mit dem Anstieg der Arbeitslosigkeit flogen sie, die industrielle Reservearmee des westdeutschen Arbeitsmarktes, als erste auf die Straße, das Bild der Hausfrau und Mutter wurde in den Medien und in der Werbung propagiert. Zweitens sahen sich im Unterschied zur DDR Frauen in der BRD Strukturen ausgesetzt, die die Vereinbarung von Familie und Berufsleben nur unter erheblichen Schwierigkeiten ermöglichte, was mit der bereits angesprochenen zu geringen Kinderbetreuung zusammenhängt.

In dieser Zeit eines anderen Kennenlernens, als ich es mit den "Kindergartenmüttern" im kirchlichen Milieu erlebt hatte entstand die Idee zu diesem Buch. Aus meiner Erfahrung von Fremdheit in einem Kontext, der von vierzigjähriger Unterbrechung ja doch auf gemeinsame Geschichte gegründet ist, fragte ich mich, wie es anderen Frauen gegangen ist. Andere Frauen, die "mitgegangen" sind mit ihren Männern oder Lebenspartnern, die es aus beruflichen Gründen in die neuen Bundesländer verschlagen hat. Frauen, die nicht eine Entscheidung getroffen, sondern mitgetroffen haben. Trotz dieser oft gebrauchten Vorsilbe "mit" mussten sie und, so vorhanden, auch die restlichen Familienmitglieder die Konsequenzen letztlich für sich tragen. Sei es durch berufliche Veränderungen, die mit dem Wohnortwechsel verbunden waren, sei es durch die Veränderung des persönlichen sozialen Umfeldes, der Wohnsituation, der Ausbildungssituation der Kinder. Was wie ein simpler Wohnortwechsel erscheint, ist faktisch eine radikale Umwälzung des gesamten Lebens. Ich wollte wissen, wie andere Frauen diese Veränderungen erlebt haben. Voneinander wissen ermöglicht aufeinander zuzugehen. Deshalb bestand meine Überlegung darin, dass viele Frauen, die aufgrund zunächst oft banal erscheinender Alltagserlebnisse die Unterschiede beider Gesellschaften, so man von zwei Gesellschaften sprechen mag, sehr intensiv erfahren haben.

Der Ansatz zu diesem Buch ist, in den Verschiedenheiten, die 40 Jahre unterschiedliche Sozialisation auf Generationen bewirkt haben, die Chance zu einer gemeinsamen und vielleicht kulturell reicheren Zukunft zu sehen. Weder diejenigen, die (n)ostalgischen Träumereien nachhängen, noch die Missionare der Segnungen des Westens können diese Überwindung schaffen. Sondern nur diejenigen, die bereit sind, einander zuzuhören, auch in den feineren  Zwischentönen, die aber gleichzeitig ihre Geschichte und ihre kulturelle Identität als Teil ihrer selbst betrachten, können die Grundlagen für künftiges Gemeinsames schaffen. Dieses Buch ist also von der Grundüberlegung her hochgradig versöhnlich. Kulturen sind nichts statisches, sondern etwas, das sich ständig verändert. Stets in der Geschichte, sieht man vielleicht einmal vom Nationalsozialismus ab, haben Kulturen einander gegenseitig beeinflusst. Die Einwohner der westlichen Bundesländer wurden nach dem 2. Weltkrieg stark durch die jeweilige Besatzungsmacht beeinflusst. Die Literatur, die wir in der Schule lasen, war westlich determiniert, so wie vieles im Leben, über das wir uns nicht unbedingt immer Rechenschaft ablegten. Stattdessen wissen wir wahrscheinlich erschreckend wenig über die Länder, die damals zum Ostblock, den Warschauer-Pakt- oder RGW-Staaten gehörten.

Als ich mit den Vorarbeiten zu diesem Buch begann, habe ich an eine Menge Grenzgängerinnen aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis gedacht. Die Methode ist das offene Interview: Anhand eines festgelegten und für alle gleichen Fragenkataloges soll die Möglichkeit gegeben werden, weiter auszuschweifen. So unterschiedlich die Frauen sind, so unterschiedlich sind ihre Erwartungen und Erfahrungen. Der Kreis an Interviewpartnerinnen wuchs ständig. Einige sind zurück in den Westen gezogen, der Kontakt verlor sich, bevor ich sie befragen konnte. Andere „Zurückgegangene“ können von doppelter Fremdheit berichten: Dass sie keine Ossis aber auch keine Wessis mehr sind. Unter diesen "Zurückgegangenen" weiß ich von mindestens einem Fall, dass Frustration über das Leben in Osten ausschlaggebend für die Rückkehr in den Westen war.  Eine andere Grenzgängerin, die ich in Erfurt kennen lernte, kam ebenfalls aus Göttingen. Auch sie wollte ich befragen, doch als wir im Begriff waren, unsere Bekanntschaft zu vertiefen, nahm sie sich das Leben. Ihr, der - im Leben, nicht in Osten - Gescheiterten möchte ich dieses Buch widmen.

 

 



[1] An diesem Punkt weiche ich etwas von der Sicht von Elke Diehl, ab, die grundsätzlich richtig feststellte, dass die in Westdeutschland übliche Praxis, Berufsbezeichnungen usw. durch das große "I" auch stets die weibliche Form einzuschließen, in der DDR vollkommen unüblich war und stattdessen auch von Kaufmännern, Studenten, Technikern und Ärzten gesprochen wurde, wenn es um weibliche Repräsentantinnen dieses Berufszweiges ging. An die Innen gewöhnen. Sprache als Ausdruck gesellschaftlicher Realität, in: Katrin Rohnstock (Hrsg.), Stiefschwestern. Was Ost-Frauen und West-Frauen voneinander denken, Frankfurt/ M. 1994, S. 131 - 141. Das Buch von Katrin Rohnstock war mir eine unschätzbare Hilfe, mir noch einmal Rechenschaft abzulegen über die Frage, wie andere Frauen diese Ost-Westunterschiede sehen und konnte noch einmal auf Distanz zu einigen meiner Positionen gehen. Aus dieser Distanz heraus hatte ich nicht den Eindruck, dass sie falsch seien, gewann aber die Erkenntnis, dass ic h möglicherweise in manchen Dingen noch viel mehr "zwischen den Stühlen" saß als viele andere West-Frauen: Vieles, was ich von ihnen las, war mir sehr fremd, vielen, was ich von Ost-Frauen las, stand mir viel näher. Vielleicht verändert sich aber auch durch das Integriert-Sein im Osten unmerklich der Blickwinkel.

 

[2] 2. Ein erschütterndes Beispiel dieser Geisteshaltung ist mir erst im Zusammenhang mit den Vorarbeiten zu diesem Buch in die Hände gefallen. Zwar hatte ich gerüchtweise gehört, dass eine in Osten übergesiedelte Westbürgerin ihre Erfahrungen in einem Buch versammelt hatte, aber ich kannte dieses Buch nicht. Es handelt sich um das Buch " NeuLand. Ganz einfache Geschichten" von Luise Endlich, ein Pseudonym für Gabriele Mendling, die ihre Erfahrungen vom Umzug von Wuppertal ("Weststadt") nach Frankfurt/Oder ("Oststadt") aufgeschrieben hat. Frau Endlich/Mendling ist im gleichen Jahr wie ich in den Osten gezogen, so dass man von vergleichbaren Parametern ausgehen kann. Aber die beispiellose Arroganz, mit der sie mit der Geisteshaltung eines frühimperialistischen Missionars auf einen Haufen unzivilisierter Wilder trifft, so zumindest ist das Bild, das sie entwirft, ist erschreckend! Von allen "mitgegangenen" Westfrauen ist mir persönlich kein einziges Beispiel bekannt, das auch nur annähernd diese Geisteshaltung widerspiegelt. Sie unternimmt keinen einzigen Versuch, die Leistungen der DDR-Bürger anzuerkennen. Erhaltenswertes gibt es nach ihrer Ansicht nichts. Ostler, so Frau Endlich/Mendling tragen im Allgemeinen geschmacklose Kleidung, wissen von den Feinheiten zivilisierten und kulinarischen Lebens rein gar nichts. Es verwundert wenig, dass derartig dokumentierte Arroganz ohne Zweifel eher dazu beiträgt, Gräben aufzuwerfen, denn sie zu beseitigen.

 

Montag, 11. Mai 2020

Vom Skandalisieren: Zur „Entzauberung“ Werner Haftmanns

Vom Skandalisieren

Zur „Entzauberung“ Werner Haftmanns

Vorbemerkung: Dieser Beitrag war als Antwort vor allem auf die Beiträge der ZEIT vom 6.2. 2020 und eines kurz darauf erschienenen Beitrages von ttt gedacht. Ich hatte ihn als Erwiderung geschrieben und gehofft, dass im Sinne eines lebendigen Dialogs eine Antwort auf einerseits recht kühne und andererseits rufzerstörende Thesen veröffentlicht würde. Leider war diese Hoffnung vergebens. Im Zuge der Corona-Krise ist auch bei mir das Thema in den Hinterkopf gerückt.

„Wir sind am Leben, und das ist nicht selbstverständlich nach allem, was war, was ist und was kommt. Wir haben uns entschließen müssen zu leben (…) Wir beginnen eben wieder zu arbeiten. Fahren wir fort, als sei nichts geschehen? (…) Wir wissen nicht, was Kunst noch ist.“ ( Zitiert nach Papenbrock 2006, S. 204)

Diesen Satz schrieb der Kunsthistoriker Kurt Bauch 1946 in einem seiner „Kriegsrundbriefe“. Er zeugt von tiefer Ratlosigkeit darüber wie es nach 12 Jahren Barbarei und Krieg weitergehen sollte. In den letzten Monaten wird medial eine Sau durchs Dorf getrieben und das auf Grund scheinbar neuer Erkenntnisse. Die ZEIT und nun auch das ARD-Kulturmagazin Titel Thesen Temperamente haben herausgefunden, dass Werner Haftmann in der NSDAP war. Und sie präsentieren dies mancherorts als neue Einsicht: „…und wieder stellt sich heraus: ein Nazi.“ So schrieb Hanno Rauterberg in der ZEIT vom 6.2. 2020 und begründet diese Erkenntnis damit, dass „kürzlich der in Cambridge lehrende Historiker Bernhard Fulda auf die sehr naheliegende Idee kam, beim Bundesarchiv die entsprechende Frage zu stellen.“ (Was n.b. kein Beweis ist).
Zunächst sollten wir erst einmal die Essenz aus all diesen scheinbar neuen Erkenntnissen ziehen, um dann zu hinterfragen, welche wirklich relevanten Schlüsse daraus resultieren. Erkenntnis Nr.1: Haftmann war vermutlich Mitglied der NSDAP. Erkenntnis Nr. 2: Die documenta von 1955 und ihre Nachfolgeausstellungen waren ein Alibi einer falschen Vergangenheitsbewältigung zu Lasten wirklich verfolgter Künstler und Erkenntnis Nr. 3: Die documenta diente in der Frontstadt des Kalten Krieges, Kassel, zur Verfestigung westlichen und das heißt auf die Abstrakte gerichteten Kunstdenkens. Diese Positionen konnte man mit unterschiedlicher Emphase auch auf einer Tagung des Deutschen Historischen Museums Ende 2019 vernehmen, deren Beiträge freundlicherweise auf YouTube dokumentiert sind (https://www.youtube.com/results?search_query=%23DHMdocumenta).
Beginnen wir mit Erkenntnis Nr. 1 und fragen uns, welche wirkliche Bedeutung sie hat.


Von einer Sensation, die keine ist

Der uns als Sensation präsentierte Skandal ist nicht neu; schon Hans H. Aurenhammer hat in seinem Beitrag vor 17 (!) Jahren über Hans Sedlmayr in Wien darauf hingewiesen, dass Haftmann sich bei Sedlmayr, als dessen Widersacher er sich später hervortun sollte, beworben und von Friedrich Kriegbaum als „linientreuer Nationalsozialist“ beschrieben wurde (siehe auch FAZ vom 3.2. 2020). Nun sagt eine Aussage eines Dritten nichts Zwingendes über das eigene Denken aus. Tatsächlich hat Haftmann die Stelle bei Sedlmayr ja nicht angetreten. Werner Haftmann hat übrigens nie versucht, seine Vergangenheit zu verbergen. Schon 1966 schreibt er im „Skizzenbuch zur Kultur der Gegenwart“, dass er sich „in Berlin bei der erbitterten Auseinandersetzung um die moderne Kunst, die der Nationalsozialismus vom Zaune brach, (…) [seine] ersten publizistischen Sporen verdient“ habe. Er meint damit - ich habe ihn zu diesem Aspekt einmal interviewt – seine Beiträge für „Kunst der Nation“, eine Zeitschrift, die bis 1935 versucht hatte, den Expressionismus gegen die Rosenberg-Strömung unter den Nationalsozialisten zu verteidigen. Die aktuelle Skandalisierung der „Causa Nolde“ inklusive ostentativem Bilderabhängen nimmt sich ein bisschen komisch aus, da all diese Tatsachen seit 1962 (!) spätestens bekannt sind durch einen Aufsatz von Hildegard Brenner, in der Vierteljahreszeitschrift für Zeitgeschichte (Die Kunst im politischen Machtkampf der Jahre 1933/34). Es ist also seit 58 Jahren bekannt, dass Joseph Goebbels im Machtkampf gegen Alfred Rosenberg gegenüber dem Expressionismus zunächst eine liberalere Haltung einnahm und Nolde, dessen Einstellung ebenfalls kein Geheimnis war, als Vertreter dieser Kunstrichtung schätzte. Der Expressionismusstreit in den ersten Jahren des Nationalsozialismus wurde erst 1935 von Hitler für beendet erklärt. 1933 und 1934 waren die Positionen zur Moderne keinesfalls geklärt; die Aktivitäten des NSD-Studentenbundes für moderne Kunst (Expressionismus und Neue Sachlichkeit) und deren, wenn auch zum Teil heute krude anmutenden Argumente müssen in diesem Kontext gesehen werden. Die Künstler, denen man eine nordisch-nationale Rolle zuweisen wollte, hießen nicht nur Nolde, sondern auch Heckel, Schmidt-Rottluff, Mueller, Barlach und Kirchner. „Wie man weiß, ging dieser Kampf verloren“, merkt Haftmann lapidar im oben zitierten Beitrag an.
Es ist falsch und zusätzlich völlig unhistorisch gedacht, nämlich aus der Jetzt-Sicht heraus, mit dem Wissen, was später kam, Haftmann zu unterstellen, dass er eine explizite NS-Vergangenheit , diese später verschwiegen und die Rehabilitierung von Künstlern wie Nussbaum oder Freundlich bewusst unterlassen habe. Damit wird implizit gesagt, dass er unter einem westlichen Deckmäntelchen die NS-Kulturpolitik fortgeführt habe. Besonders perfide wird im Beitrag von ttt im O-Ton von Julia Friedrich der Hinweis auf politische Konstellationen der Jetzt-Zeit. Ein solcher Hinweis ist grundsätzlich vor dem Hintergrund der Ereignisse in Thüringen Anfang der 1930er Jahre im Vergleich mit der Gegenwart nicht illegitim, nur im Hinblick auf Haftmann ist er fehl am Platz.

Kunsthistoriker im Nationalsozialismus

Gehen wir also einen Schritt zurück in die Nachkriegszeit und greifen die Frage der Schuld von Kunsthistorikern und ihrem Anteil an der NS-Kulturpolitik auf. Kommen wir zurück zu Kurt Bauch, der 1933 in die NSDAP eingetreten war, und dem auf Grund seiner Parteimitgliedschaft später in München die Professur in der Nachfolge von Hans Jantzen verwehrt wurde. Stattdessen wurde Hans Sedlmayr 1951 auf diesen Lehrstuhl berufen, also jemand, der 1946 aus seiner Professur in Wien wegen zu großer Verstrickung in den Nationalsozialismus entlassen wurde und ein Publikationsverbot erhielt. Er galt in München nämlich als Ausländer und damit unbelastet (so nachzulesen in den Akten des Münchener Universitätsarchivs). Und im Unterschied zu Haftmann hatte Sedlmayr sich sowohl vor 1945 als auch danach als scharfer Kritiker der Moderne betätigt und seine erzwungene Freizeit nach dem Krieg genutzt, um das Buch „Verlust der Mitte“ (1948) zu schreiben und darin eine Kunst, die sich von Gott entfernt habe und im Falle von Egon Schiele oder George Grosz „innerlich entartet“ (S. 215) sei, anzuklagen. Sedlmayr hat also tatsächlich genau da weitergemacht, wo er 1945 nie aufgehört hatte.
Über Kunstgeschichte während des Nationalsozialismus‘ ist inzwischen erfreulicherweise viel geschrieben worden; das muss hier nicht wiederholt werden. Die Vertreibung und Ausgrenzung von Künstlern, von der die Länder profitierten, die die Vertriebenen aufgenommen haben, findet ihre Entsprechung in der Vertreibung und Ausgrenzung von Kunsthistorikern, die zu dem Spruch Walter Cooks, Direktor des New Yorker Institutes of Fine Arts, führte: „Hitler ist mein bester Freund, er schüttelt den Baum und ich sammele die Äpfel ein“. Unter denen, die hierblieben, gab es diejenigen, die vom System profitierten und diejenigen die hofften, es komme alles nicht schlimm und die im Laufe der Jahre sich immer mehr verbiegen mussten. Ich möchte dieses verbale Verbiegen am Beispiel des später Exilierten Nikolaus Pevsner tun, 1933 Privatdozent in Göttingen und nach § 3 des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933 als „Volljude“ deklariert. Sehr schnell war ihm klar, dass er in Deutschland keine Zukunft habe und bewarb sich als Lehrbeauftragter in Italien für „Kunstgeschichte nördlich der Alpen“ und ersuchte für diese Bewerbung die Unterstützung des Göttinger Historikers Karl Brandi mit den Worten, er könne den dortigen Kunsthistorikern etwas „von der Nordischen Kunst“ vermitteln und etwas „Kulturpropaganda“ betreiben. Liest man solche Sätze vom Zusammenhang gelöst, könnte man sie als höchst befremdlich interpretieren. Im Kontext hingegen sehen wir es als Versuch, mit der Verwendung des Vokabulars der neuen Herrschenden sein eigenes Überleben zu sichern.

Für diejenigen, die das o.g. Gesetz nicht zutraf hieß es sehr rasch, sich zu ducken oder – wie für einige Zeit Franz Roh – ins Konzentrationslager zu kommen. Es war eigentlich kaum möglich, seine Arbeit weiter zu führen, ohne sich die Hände schmutzig zu machen. Im konkreten Lehrbetrieb hieß dies, dass spätestens nach 1935 Vorlesungen über beispielsweise den Expressionismus immer seltener wurden und irgendwann einfach verschwanden. Nehmen wir ein weiteres Beispiel einer vollkommen integeren Kunsthistorikerpersönlichkeit, nämlich der „linke“ Richard Haman, in dessen „Geschichte der Kunst von der altchristlichen Zeit bis zur Gegenwart“ die Beurteilung des Expressionismus‘ von positiv (1932) über „es gab den Expressionismus“ changierte bis 1938: der Expressionismus habe „es nicht vermocht, breite Schichten der Gesellschaft für sich zu überzeugen. Dafür war er zu umstürzlerisch, gewaltzerstörend und alte Werte vernichtend.“ (Zitiert nach Sprenger in Held/ Papenbrock 2003).

Es waren nicht wenige sehr profilierte Kunsthistoriker in der NSDAP, wie der bereits erwähnte Kurt Bauch, Hermann Beenken, Hubert Schrade oder Wolfgang Schöne, und dies nicht erst seit 1937. Doch wäre es zu einfach, sie alle als Nazi abzuqualifizieren. Wie absurd das Argument der Parteimitgliedschaft ist, zeigt das Beispiel von Wilhelm Pinder, der tatsächlich glühender Anhänger der NS-Ideologie, aber nicht in Mitglied der NSDAP war, dessen österreichischer Adlatus, der oben schon erwähnte Hans Sedlmayr, in der Festschrift zu Pinders Geburtstag den Anschluss Österreichs als Geburtstagsgeschenk feierte: „Es konnte für Wilhelm Pinder keinen schöneren sechzigsten Geburtstag geben. Heil Hitler! Ihr treuer Hans Sedlmayr“.

Einer der ersten, der zu Sedlmayrs Buch „Verlust der Mitte“ Haltung zeigte, war – übrigens, wie er mir berichtete, spontan und ungeplant – Werner Haftmann, der 1949 auf dem 2. Deutschen Kunsthistorikertag, den problematischen Charakter von Sedlmayrs Kampfschrift hervorhob und diesem religiös verschrobenen, rückwärtsgewandten Denken das Postulat der Freiheit entgegensetzte: „Ich ärgerte mich einfach über sein Buch: - über die Rederei von der entarteten Kunst und die alberne Berufung auf ein „christliches Abendland“, die schon vor Sedlmayr die Anschauung der akademischen Kritiker trübte.“ (Zitiert aus einem Brief Haftmanns an die Verf.). Wäre es also nicht zielführender, statt heute auf Parteimitgliedschaften zu schauen, sich damit zu beschäftigen, was Kunsthistoriker publiziert haben, ob da antisemitische Bemerkungen waren oder ob sie explizit anderen geschadet haben?

Moderne als Kitt für die Nachkriegsgesellschaft?

Man kann mit der Weisheit des Nachgeborenen die verengte Vorstellung von Freiheit, wie Haftmann sie verfocht, kritisieren. Haftmann hatte sich nach 1945 die Lebensaufgabe gesetzt, für die Freiheit in der Kunst und gegen das, was er „art dirigé“ genannt hat, nämlich von Oben gelenkte Kunst zu kämpfen. Diese Kunst war nun einmal vorwiegend gegenständlich. Und die Formalismusdebatte in der DDR sollte ihm auch Recht geben. Haftmann sah, wie man in seinen Publikationen nachlesen kann, im sozialistischen Realismus die Fortsetzung der NS-Kunstpolitik, was zweifellos dazu führte, dass er, diese Kunst als unfrei ablehnte und in der Verkennung, dass auch dort gute Kunst entstanden war, mit diesem Bade auch das Kind gegenständlicher/realistischer Malerei ausgoss. Das können wir heute in aller Sachlichkeit als Fehleinschätzung bewerten; gleichzeitig aber haben wir eine Erklärung, warum auf der documenta 1955 so wenig gegenständliche Kunst zu sehen war. Das Haftmannsche Pathos im Vorwort wurde in der Literatur schon oft kritisiert zusammen mit dem Vorwurf, er habe - ähnlich wie in seinem Buch „Malerei im 20. Jahrhundert“ den Nationalsozialismus verharmlost. Auch das ist aus der heutigen Kenntnis der Geschichte völlig richtig, trifft aber nicht die Situation in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg. Haftmann sah sich in einer nach vorne gerichteten Mission: „In der damaligen Situation Deutschlands schien es mir ein wenig absurd an meiner langen Arbeit zur Kulturgeschichte der italienischen Frührenaissance weiter zu arbeiten. Zu verworren, zu kenntnislos schien mir die damalige Einstellung der Nation zur modernen Kunst.“ (So schrieb er in einem Brief an mich).

Zweifellos ist das Fehlen von Bildern von Felix Nussbaum oder auch Otto Freundlich auf den documenta-Ausstellungen zu beklagen. Man sollte darin aber nicht zwingend eine post-nationalsozialistische Handlung sehen, sondern nachzuvollziehen versuchen, dass eine Ausstellung wie die documenta von 1955 nicht in allen Punkten ausgereift sein konnte. Ein Blick ins Archiv zeigt auch in ganz praktischer Hinsicht, dass die Wege, solche Kunst für die documenta im Kontext kompletter institutioneller Zerstörung zu organisieren, steinig und Leihgaben zum Teil nur über sehr persönliche Netzwerke möglich waren.

Die Idee von der „Moderne als Medizin“ ignoriert deren Status bei den Rezipienten zehn Jahre nach Kriegsende. Die Kunst, die im ttt-Beitrag, aber auch in den oben genannten Vorträgen gerne als harmlos oder gefällig interpretiert wird, war dies in der bundesrepublikanischen Nachkriegsrealität keinesfalls. Auch hier gilt, die Dinge nicht aus der Jetztzeit zu bewerten, sondern sich die Kunstrezeption der damaligen Zeit, in welcher Sedlmayrs Meinung zwar radikal, aber keine Einzelmeinung war, vor Augen zu führen. (Es wäre eine reizvolle Aufgabe, einmal die moderne Kunst in Karikatur oder Bildwitz bis in die 1960er Jahre zu sammeln, um auch auf diese Weise nachzuweisen, dass das, was da 1955 gezeigt wurde, alles andere als common sense war.)

Sicherlich hat die etablierte Kunstwelt in der Ausstellung den Wiederanschluss an die westliche Kunstwelt gesehen, und es gibt zweifellos auch äußerst problematische Aspekte in der Herausstellung vorwiegend ungegenständlicher Kunst, aber die aktuelle Empörung dagegen unterstellt eine Böswilligkeit, die es nicht gab. Zweifellos – diese Kritik trug schon Hermann Raum 1977 vor – kann man in der documenta von 1955, und noch mehr in ihren Nachfolgeausstellungen in der grenznahen Stadt Kassel ein kulturelles Bollwerk wider den Sozialismus und somit als ein Instrument des kalten Krieges sehen. Ob sie in ihren Anfängen wirklich als solches intendiert war, darf man bezweifeln. Werner Haftmann, von dem man gar nicht alles heute richtig finden muss, aber dessen Denken man aus dem historischen Kontext seiner Zeit verstehen sollte, in eine Nazi-Ecke zu stellen, ist schlicht und einfach unanständig.

Dr. Ulrike Wollenhaupt-Schmidt, Kunsthistorikerin, Erfurt
(Ich veröffentlichte 1994 eine Dissertation über die documenta, forschte und publizierte seither immer mal über Kunsthistoriker in der NS-Zeit, bzw. danach; eine Publikation zu Franz Roh und Sedlmayr ist in Arbeit).